Dienstag, 2. Dezember 2008

sie haben hässliche Stimmen, hässliche Bäuche, einen hässlichen Gang, das Hässliche wirkt depressiv, das ist richtig gesagt worden, das spüren wir, es nimmt Kraft, und sehr viel Kraft haben wir nicht, du Allerschönste unter den Frauen, Herbert Marcuse verhiess die endgültige Befreiung des Individuums, Jan Galtung fand, wenn Menschen so beeinflusst würden, dass ihre tatsächliche körperliche und geistige Selbstverwirklichung hinter ihrer möglichen Selbstverwirklichung zurückbleibt, so sei das schon als Gewalt anzusehen, das du vns so beschworen hast, wo gehen wir, nicht weit vom Haus, in dem sie wohnt, ist es eine Strasse, ein Weg, ein Pfad, es ist, so denken wir,
eine Waldstrasse, man kann sie so bezeichnen, weil sie von schweren Fahrzeugen befahren werden kann, wir haben es gesehen, wir haben es gehört, einen schweren, brummenden, qualmenden Traktor sahen wir, einen kräftigen Lastwagen, der auf einem langen Anhänger riesige Baumstämme zu Tale fuhr, es wird in diesen Berghängen gearbeitet, sono gigli, die moderne Zivilisation hat auch diese Berghänge erreicht, in Form einer hochgezüchteten, staatlich subventionierten Forstwirtschaft, more than another beloved, die grosse Geldpumpe, in die sich unser Staat verwandelt hat, jagt die Geldströme zunächst in die grossen Kanäle, dann in kleinere Leitungen und schliesslich auch in jedes Bergtal und Berggebiet, es ist eine Waldstrasse, mein Freund ist weis vnd rot, wer solche Waldstrassen baut, muss sie auch entsprechend sichern, der Hang, an dem sie sich hinziehen, ist gross und führt weit hinauf, fast bis zur Waldgrenze, das Wasser fliesst an vielen Stellen ab, in kleinen Rinnsalen, in kleinen Bächen und an einer Stelle sogar in einem regelrechten Fluss, in dem die Bewohner dieser Gegenden an heissen Sommertagen gerne baden, che stillano fluida mirra, an anderen Orten haben sich die Wasser kleine Täler und Schluchten gegraben und fliessen ganz artig in einem von Steinen und Felsbrocken gebildeten Bett, wenn es hier aber richtig regnet, denken wir, ist etwas los, und es schiesst alle zehn Meter ein Bach durch den Wald, meine betrübte Seele, aber die tüchtigen Forstleute halten diese Gewässer unter Kontrolle, sie haben, wie wir sehen, alle Rinnen mit irgendeiner grossen Schaufel vertieft und zurechtgestochen,
gewähre ihr alles, es sieht aus, als ob ein Riese mit einem gewaltigen Spaten am Werk gewesen wäre, man hat diese Gräben maschinell ausgehoben, denken wir, man ist gewiss mit einem eigens für solche Sanierungsarbeiten entwickelten langarmigen Bagger in diesen Wäldern tätig gewesen, was sie sehnend begehrt, ob sie wohl den Lärm dieser Maschinen hört, rächti Zäpfä, denkt sie, können manchmal rein gar nichts nützen, sie schüchtern ein, dieser hübsche junge Mann wird davon eingeschüchtert, wie verrückt das ist, man kann wahnsinnig werden, was hat dein Liebster vor andern Liebsten, sie fühlt, dass sie einmal einen grossen Krach machen wird, und freundlich gewähre mir ihn, es ist nichts zu wollen, denkt sie, es ist nichts zu machen, es wird bald einmal einen grossen Krach geben, wenn es so weitergeht, ich halte das nicht aus,

Samstag, 29. November 2008




bianco, wir hätten schon längst im Bett sein sollen, aber wir wollten unbedingt noch ein Buch, das meine Mutter in kräftiges, zähes Packpapier eingefasst hatte, beschriften, und zwar schön beschriften, weil es ein wichtiges Buch war, ein Buch für den wichtigsten Unterricht, den es gab, einen Unterricht, den nicht der Lehrer erteilte, sondern der Pfarrer höchstpersönlich, ein Buch für den Religionsunterricht, hans lockar palmträdsvippor, wie geheimnisvoll lautete doch der Name des Buchs, Katechismus, Katechismus hiess es, was soll da mit mir passieren, was soll aus mir werden, wenn man mir jetzt einen Katechismus gibt, etwas ganz Neues, Unerhörtes, Fremdartiges, Merkwürdiges, dass du so uns beschwörst,
und das für einen langen Gebrauch eingefasste Buch muss nun noch beschriftet werden, der kleine Mann will es unbedingt noch beschriften, dieses Zauberwort, so verspricht nun der Knirps, den die Mutter und die junge schöne lachlustige Tante schon längst im Bett haben wollten, soll nun noch in den schönstmöglichen Buchstaben auf den Umschlag gesetzt werden, auserkoren vnter viel tausent, nun, man lässt ihn, er soll es machen, aber hoffentlich nicht falsch, wenn es falsch ist, sagt die Mutter, fasse ich das Buch nicht noch einmal ein, und er schreibt und schreibt, wenn es falsch ist, ruft die Tante, wird dir der Pfarrer ganz schön die Ohren stehen lassen, e vermiglio, und er schreibt und zeigt das Buch schliesslich stolz der Tante, die sofort einen Lachanfall bekommt und fast vergeht vor Lachen, und nur immer wieder ruft, Katechisimus, ruft sie, Katechisimus, und für ihn geht die Welt unter, alles ist in Frage gestellt, das Wichtigste und Heiligste, der Katechismus war zu einem dummen Isimus geworden,
die Mutter nimmt das Buch und streicht das überflüssige i durch, aber das geht nicht, das sieht scheusslich aus, der Herr Pfarrer muss denken, dass wir alle Tubeli sind, die Mutter, die Tante, der kleine Bub, alles schöne Tubeli, sein heupt ist das feinest Gold, Katechisimus, och svarta såsom korpen, was wird der Herr Pfarrer denken, was das für Tubeli sind, was sind das für Tubeli, was verstehen die, was soll man diese kleinen dummen Buben lehren, o thou fairest among women,
geh jetzt ins Bett, wir machen die Sache selber, wir fassen wir das Buch nochmals neu ein, die gütige und geschickte Mutter fasst es nochmals neu ein, und die kluge Tante wird es beschriften, sie wird das doch wohl noch können, sie hat eine schöne Schrift, geh zu Bett, schön bist du, und träume den Traum, in dem du die Sprache beherrschest, in dem dir die Worte zur Verfügung stehen, alle Worte, meine Freundin, hohe Worte, schöne Worte, herrliche Worte, du wirst sie benötigen, seine Locken sind kraus, Episteln, Elegien, Huldigungen, Studien, Danksagungen, Belehrungen, Stammbuchblätter, Begrüssungsstanzen, Korrespondenzen, Widmungsgedichte, Feuerball des grossen Gedichts, yea, das Gedicht ist so schön, dass man den Eindruck davon, bei den schlechten Zuständen, in denen man lebt, nicht in sich behalten kann und dass man immer von neuem erstaunt, wenn man es wieder liest, che ha il tuo diletto di diverso da un altro,

Dienstag, 25. November 2008

man müsste ein ganzes Buch schreiben, um alle grossen Verdienste dieses Gedichts nach Würden zu schätzen, man tut wohl, es alle Jahr einmal zu lesen, um immer wieder daran zu lernen und den Eindruck seiner grossen Schönheit aufs neue zu empfinden, bagnati nel latte, Sie können es aber nicht mehr auswendig, dieses Gedicht, geben Sie es zu, und begeben sich damit in Gefahr, dieses Gedicht ist Ihr Pass, vergessen Sie das nicht, Ihr Eintrittspass, schwartz wie ein Rabe, zerstückeln Sie es nur, vielleicht hilft das, man weiss ja nie, hans ögon, bei der Hauptprobe von König Johann, worin sie den Arthur spielte, zeigte Christiane Neumann nicht genug Entsetzen vor dem glühenden Eisen, ungeduldig hierüber, riss Goethe dem Darsteller des Hubert das Eisen aus der Hand und stürzte sich mit solch grimmigem Blick auf das Mädchen zu, dass dieses entsetzt und zitternd zurückwich und ohnmächtig zu Boden sank, erschrocken kniete nun Goethe zu ihr nieder, nahm sie in die Arme und rief nach Wasser, likna duvor, als sie die Augen wieder aufschlug, lächelte sie ihm zu, küsste seine Hand und bot ihm den Mund zum Kuss, Dummheiten und Verwirrungen, nur wenige gelangen zum Ziel, die anderen gehen an den umfassenden Dummheiten und Verwirrungen zugrunde, Taubenaugen, Zungenkuss, wie mundet ihnen das, dein Haar eine blinkende Ziegenherde, auch ist die ewige Opposition und Missbilligung seinen vortrefflichen Werken selbst, so wie sie daliegen, höchst schädlich, denn nicht allein, dass das Unbehagen des Dichters sich dem Leser mitteilt, sondern auch alles opponierende Wirken geht auf das Negative hinaus, und das Negative ist nichts, auf dem Berge Gilead, wenn ich das Schlechte schlecht nenne, was ist da viel gewonnen, nenne ich aber gar das Gute schlecht, so ist viel geschadet, invid vattenbäckar, nur die geistigsten Menschen haben die Erlaubnis zur Schönheit, zum Schönen, nur bei ihnen ist Güte nicht Schwäche, pulchrum est paucorum hominum, das Gute ist ein Vorrecht, nichts kann ihnen dagegen weniger zugestanden werden als hässliche Manieren oder ein pessimistischer Blick, ein Auge, das verhässlicht, oder gar eine Entrüstung über den Gesamt-Aspekt der Dinge, die Entrüstung ist das Vorrecht der Tschandala, der Pessimismus desgleichen, die Welt ist vollkommen, so redet der Instinkt der Geistigsten, der jasagende Instinkt, die Unvollkommenheit, das Unter-uns jeder Art, die Distanz, das Pathos der Distanz, der Tschandala selbst gehört noch zu dieser Vollkommenheit,
what is, die geistigsten Menschen, als die Stärksten, finden ihr Glück, worin andere ihren Untergang finden würden, im Labyrinth, in der Härte gegen sich und andre, im Versuch, ihre Lust ist die Selbstbezwingung, der Asketismus wird bei ihnen Natur, Bedürfnis, Instinkt, die schwere Aufgabe gilt ihnen als Vorrecht, mit Lasten spielen, die andre erdrücken, eine Erholung, thy beloved, Erkenntnis eine Form des Asketismus, more than another beloved, sie sind die ehrwürdigste Art Mensch, das schliesst nicht aus, dass sie die heiterste, die liebenswürdigste sind, sie herrschen, nicht weil sie wollen, sondern weil sie sind, es steht ihnen nicht frei, die zweiten zu sein, o tu, das Salz der Urmeere ist in unserem Blut, ihr Kalk in unseren Knochen,
jedesmal, wenn wir an einem Strand entlang gehen, befällt uns ein Urtrieb, und wir legen Schuhe und Kleider ab, oder wir stöbern zwischen Seetang und gebleichtem Treibholz herum, wie die heimwehkranken Vertriebenen eines langen Krieges, seine Augen sind wie Taubenaugen an den wasserbechen, Literatur sei keine Literatur, wenn sie nicht begeistere, wenn sie nicht verzaubere, Literatur müsse verzücken, nur die Verzückungsliteratur sei Literatur, duvor som bada sig i mjölk, mit vierzig aber, so sagte er, habe er dann aber bemerken müssen, dass er auf das Schreiben angewiesen sei, das Schreiben sei für ihn aus therapeutischen Gründen notwendig geworden, im Alter würden eben die üblichen Trostmittel weniger wirksam, im Alter sei,
das würden auch die Aufzeichnungen seiner Mutter zeigen, das Schreiben ein wirksames Beruhigungsmittel für die im Alter naturgemäss immer weniger strapazierfähigen Nerven, la più bella fra le donne, man dürfe das Schreiben natürlich nie als Literatur bezeichnen, das sei grössenwahnsinnig, man dürfe es nur als persönliches Heilmittel betrachten, und das Niedergeschriebene dürfe man niemals unter die Leute bringen, man müsse die Drogen und Gifte, die man benötige, um sich über Wasser zu halten, für andere unzugänglich aufbewahren, im Giftschrank, sagte er, im Giftschrank, o thou, gerade das Beste und Wirksamste gehöre unter Verschluss,

die Menschen würden, so fuhr er fort, mit seinen Texten ganz gewiss nicht zurande kommen, es würden sich gewiss alle nur aufregen, was ganz falsch wäre, denn die Texte seien ja zur Beruhigung geschrieben, nicht zur Aufregung, und die Menschen könnten ja, wenn sie aufgeregt seien, sehr ungemütlich werden, sie gehen ja so leicht aufeinander los, und als Autor möchte man nicht dafür verantwortlich sein, wenn sich die Leute die Haare ausrissen, mi amado es blanco y rubio, und wenn er abschliessend noch etwas sagen dürfe, so wäre es dies, dass er von allem Anfang an und nachher sein ganzes Leben lang ein tiefes, festes Gefühl für die Nutzlosigkeit aller Reden bezüglich der Gesellschaftsordnung gehabt habe, er äussere sich gerne, wenn es um das Essen oder Trinken gehe, oder um andere Kleinigkeiten und alltägliche Dinge, er versuche auch, im Kleinen Misshelligekiten und Verdrüsse zu verhindern, was ihm manchmal sogar gelinge, manchmal aber auch nicht,